Für Ärzte und Therapeuten

Herborner Mikrobiom Tage

Herborner Mikrobiom Tage 2023

Bakterien, Metabolom und mehr - Praxis 4.0

Von Freitag, den 05.05.2023 bis Sonntag, den 07.05.2023 fanden zum ersten Mal unsere Herborner Mikrobiom Tage statt. Nach langer Pause konnten wir endlich wieder eine große Veranstaltung in Präsenz durchführen und hochkarätige Referentinnen und Referenten sowie 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft und Praxis an unserem Standort in Herborn willkommen heißen. Nachfolgend finden Sie einen Rückblick sowie Zusammenfassungen der Vorträge und Lesung.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen und freuen uns, Sie auf den nächsten Herborner Mikrobiom Tagen willkommen zu heißen!

Herzliche Grüße

Ihr Team des MVZ Institut für Mikroökologie

Rückblick

Geschäftsführerin Dr. med. Kerstin Rusch begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Freitagabend im Institut für Mikroökologie und stellte Dr. rer. nat. Sarah Schwitalla vor, Wissenschaftlerin und Autorin, die mit einer Lesung Einblicke in ihr Buch „Das Mikrobiom Komplott“ gab. In dem Buch thematisiert sie die Zusammenhänge von Ernährung, Gesundheit und Lebensmittelindustrien.

Dr. rer. nat. Sarah Schwitalla ist Wissenschaftlerin und Gründerin des Zentrums für Prävention, Mikrobiom und Darmgesundheit. Sie hat zwei Bücher geschrieben: „Das Mikrobiom Komplott“ und „The Toxic Microbiome“. Im Buch „Das Mikrobiom Komplott“ geht es um Ernährung, chronische Erkrankungen und wie uns die Lebensmittelindustrien aus wirtschaftlichen Interessen manipulieren.

Wir essen jeden Tag Lebensmittel, die ungesund sind, trotzdem essen wir sie. Warum eigentlich? „80 % aller chronischer Erkrankungen sind ernährungsbasiert“ – so Schwitalla. In ihrem Buch hat sie 6 Risikofaktoren herausgestellt, basierend auf über 500 Quellen. Einen Einblick hierzu gab sie in ihrer Lesung.

„Heute ist ein guter Tag, um Leben zu retten. Mit diesem Satz ist Dr. Shepherd aus Grey’s Anatomy berühmt geworden. Er gilt aber nicht erst im OP-Saal. Nicht erst dann, wenn es fast zu spät ist. Jeder Mensch auf dieser Welt kann sich selbst retten, und zwar dreimal täglich, ganz einfach mit Messer und Gabel.“ – Zitat aus dem Buch „Das Mikrobiom Komplott“

Die meisten Todesfälle gehen auf eine falsche Ernährung zurück. Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor einer globalen Katastrophe ernährungsbedingter Erkrankungen wie Adipositas, Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauferkrankungen. Zusätzlich ist ein drastischer Anstieg von Krebsfällen zu verzeichnen. In den kommenden Jahren werden die Zahlen der Krebserkrankten um bis zu 60 % steigen. Darmkrebs gilt als einer der deutlichsten Marker für den epidemiologischen Wandel. Dabei erhalten mittlerweile oftmals auch wesentlich jüngere Patientinnen und Patienten unter 50 die Diagnose Darmkrebs. Vorbeugen ist die beste Medizin. Dabei spielt die Ernährung, aber auch Bewegung eine große Rolle. Chronische Erkrankungen sind in den meisten Fällen vermeidbar.

Die Welt besteht aus chronisch kranken, fehlernährten Menschen. Wie konnte es dazu kommen?

Ein Risikofaktor ist Protein. Obwohl die Sorge oft groß ist, gerade bei Vegetariern, ausreichend Proteine zu sich zu nehmen, ist ein Proteinmangel laut europäischen Behörden unwahrscheinlich. Vielmehr als einen Proteinmangel haben wir Europäer ein strukturelles Ballaststoff-, Gemüse-, Obst- und Vollkornproblem. „Wir essen mehr als 100 % des empfohlenen Proteinbedarfs, schaffen aber nicht einmal 50 % der empfohlenen Ballaststoffmenge täglich.“ Dabei sind Ballaststoffe die viel wichtigere Nährstoffquelle für unsere Mikrobiota und somit Ausgangsstoff gesundheitsfördernder Metabolite. Proteine hingegen können zu toxischen Stoffen wie Ammoniak und Phenol abgebaut werden, die Zell- und DNA-schädigend wirken und entzündliche Prozesse und das Darmkrebs-Zellwachstum fördern.

In ihrem Buch geht Dr. Sarah Schwitalla auf fünf weitere Risikofaktoren ein und deckt somit leicht verständlich die biochemischen Zusammenhänge im Körper auf. „Heute werden in der Europäischen Union 84 Menschen bei einem Autounfall zu Tode kommen, 90 Menschen an einer Infektionskrankheit sterben, 151 Menschen Selbstmord begehen und 3.594 Menschen an ernährungsbedingten Erkrankungen sterben. Heute ist ein guter Tag, um Leben zu retten.“

Weitere Infos finden Sie unter www.drschwitalla.com

In einer anschließenden Laborführung konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Weg einer Probe durchs Labor nachvollziehen, vom Probeneingang bis zum Befund.

Das wissenschaftliche Programm am Samstag eröffnete Dr. med. Kerstin Rusch mit Eindrücken zur Geschichte des Instituts für Mikroökologie: 1954 gründeten die Ärzte Hans-Peter Rusch und Hans Kolb das Mikrobiologische Laboratorium in Herborn. Daraus entstand 1975 das Institut für Mikroökologie, das 2007 von Dr. med. Kerstin Rusch übernommen wurde. Von der Gründung bis heute stehen die Praxistauglichkeit der Diagnostik und die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und Ärzten an erster Stelle. Das zeigte sich auch anhand der Themen der Herborner Mikrobiom Tage mit dem Fokus auf das Mikrobiom, das Metabolom und die Praxis 4.0.

Prof. Dr. rer. nat. Andreas Schwiertz, Geschäftsführer des Instituts für Mikroökologie, führte durch das vielseitige Programm. Als Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung im Institut für Mikroökologie und Professor an der Justus-Liebig-Universität in Gießen ist er maßgebend für die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und Ärzten verantwortlich. Kooperationspartner Prof. Dr. med. Marcus Michael Unger, erster Referent am Samstag, zeigte neue Erkenntnisse zum Zusammenhang der Parkinson-Krankheit mit dem Mikrobiom. Er ist Chefarzt für Neurologie und führt Studien mit Patienten und Patientinnen mit der Parkinson-Krankheit durch.

Das Interesse an den Zusammenhängen zwischen Darm und Gehirn ist in den letzten 10 Jahren enorm gestiegen. Mit dem Interesse hat sich auch das Verständnis für die Darm-Hirn-Achse entwickelt. Die Parkinson-Krankheit (PK) ist eine neurodegenerative Erkrankung mit typischen motorischen Symptomen wie allgemeiner Verlangsamung, Rigor und Tremor. Diese motorischen Symptome sind jedoch nur ein kleiner Teil der Symptomatik. Vielmehr leiden Patientinnen und Patienten mit PK auch unter Schlafstörungen, Depression und Störungen des Magen-Darm-Traktes.

Bereits 1817 wurde von James Parkinson beschrieben, dass Patientinnen und Patienten mit PK oft an Obstipation leiden. Bereits in den 1960er Jahren konnten die für die PK charakteristischen Ablagerungen, die Lewy Körperchen, im Darmnervensystem nachgewiesen werden. Daraus entwickelte der Wissenschaftler Braak ein Modell für die PK. Er ging davon aus, dass die PK u.a. im enterischen Nervensystem des Darms startet. Seine Hypothese: alpha-Synuclein, ein intrazelluläres Protein, aggregiert in den Nervenzellen, es entstehen Lewy Körperchen und dieser Prozess wandert über den Vagusnerv ins Gehirn. Unterstützt wird die These durch Studien zur Vagotomie: Wird der Vagusnerv getrennt, sinkt das Risiko, an der PK zu erkranken.

Gastrointestinale Infektionen erhöhen das Risiko, an der PK zu erkranken. Grund hierfür könnte eine Aktivierung des Immunsystems durch eine Erhöhung der alpha-Synuclein Expression sein. Anti-inflammatorische Therapien bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen senken wiederum das PK-Risiko.

Studien zeigen, dass Patientinnen und Patienten mit PK ein verändertes Darmmikrobiom aufweisen. Auffällig ist hierbei eine Reduktion der Gattungen Prevotella, Faecalibacterium und Blautia, die anti-inflammatorische Effekte initiieren. Die Folgen der veränderten Mikrobiota sind u.a. niedrigere Konzentrationen kurzkettiger Fettsäuren, speziell Essigsäure, Buttersäure und Propionsäure, in Patientinnen und Patienten mit PK im Vergleich zu Kontrollpersonen.

Auf den Ergebnissen basierend entwickelte Prof. Dr. med. Unger in Kooperation mit Prof. Dr. rer. nat. Andreas Schwiertz mit der Unterstützung der Michael J. Fox Foundation die RESISTA-PD Studie, eine Interventionsstudie mit resistenter Stärke. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie erhielten über 8 Wochen resistente Stärke als Nahrungsergänzungsmittel. Resistente Stärke kann von bestimmten Darmbakterien fermentiert werden, wodurch die Bildung kurzkettiger Fettsäuren gefördert wird. Tatsächlich stieg die Konzentration der Buttersäure im Stuhl von Patientinnen und Patienten mit PK unter der Intervention mit resistenter Stärke signifikant an. Diese wiederum wirken anti-inflammatorisch und aktivierend auf das enterische Nervensystem und können somit die Darmmotilität steigern. Die Intervention führte zu einer signifikanten Reduktion von Calprotectin, ein intestinaler Entzündungsmarker, in Stuhlproben der Patientinnen und Patienten mit PK. Zusätzlich konnten keine Unterschiede der Mikrobiota-Zusammensetzung der Patientinnen und Patienten mit PK im Vergleich zu den Kontrollpersonen mehr gefunden werden. Die depressiven Symptome der Patientinnen und Patienten mit PK besserten sich signifikant. Es konnten jedoch keine statistisch relevanten Unterschiede für Symptome der Obstipation bei den Patientinnen und Patienten mit PK festgestellt werden. Hierfür war die Intervention mit der resistenten Stärke sehr wahrscheinlich nicht lang genug.

Für eine Studie über die Dauer von lediglich 8 Wochen sind die Daten dennoch sehr beeindruckend und zeigen, dass das Mikrobiom auch zukünftig als modifizierbarer Risikofaktor therapeutisch genutzt werden kann.

Dr. rer. nat. Sarah Schwitalla ging anschließend der Frage „Was ist ein gesundes Mikrobiom?“ auf den Grund und beantwortete diese auf Basis wissenschaftlicher Studien mit dem Fokus auf Ernährung.

Studien berichten: Die falsche Ernährung tötet mehr Menschen als zu wenig Bewegung, Rauchen und Alkohol zusammen. Welche Rolle spielt dabei das Mikrobiom und was ist überhaupt ein gesundes Mikrobiom? Eine Untersuchung 8.000 Jahre alter, versteinerter Stuhlproben ergab signifikante Unterschiede zur heutigen Mikrobiota. Müssen wir also wieder zu Jägern und Sammlern werden für die richtige Mikrobiota-Zusammensetzung?

Das Mikrobiom steht im Zusammenhang vieler Erkrankungen. Eine Dysbiose unserer Mikrobiota ist Ursache für eine Darmbarriere-Störung („Leaky Gut“) und systemische Entzündungen („Silent Inflammation“). Jedoch ist die Vielfalt und Zusammensetzung der Mikrobiota nicht konsistent assoziiert mit Krankheiten. Viel wichtiger als die Spezieszusammensetzung oder gar ein Speziesverlust ist die Funktion der Bakterien. 30 % aller Metabolite im Blut sind mikrobiellen Ursprungs. Dazu gehören z. B. die kurzkettigen Fettsäuren, die ähnlich wie Hormone wirken.

Moderne Diäten sind geprägt von der Reduktion von Kohlenhydraten und einer erhöhten Aufnahme an Eiweiß, der „modernen“ Paleo Ernährung sozusagen. Studien haben jedoch herausgefunden, dass diese Diäten mit einem 2,5-fachen Anstieg der TMAO-Konzentrationen im Blut und einer Reduktion der Aufnahme resistenter Stärke assoziiert sind. TMAO steht in Verbindung mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einem erhöhten Risiko für Leber- und Darmkrebs.

Unsere Vorfahren waren Vegetarier. Wir schaffen heute nicht einmal die Hälfte der empfohlenen Aufnahme an Ballaststoffen. Die Ernährungsqualität entscheidet maßgeblich über die Gesundheit des Mikrobioms. „Die westliche omnivore Ernährung ist nicht unbedingt schädlich, wenn ein gewisses Maß an pflanzlichen Lebensmitteln aufgenommen wird.“

Dr. rer. nat. Nicole Treichel, Wissenschaftlerin der RWTH Uniklinik Aachen, gab einen Einblick in moderne Mikrobiomanalysen. Die in ihren Studien angewandten Sequenziermethoden sind wichtig für die Forschung, bieten momentan aber noch keine praxisrelevanten Ergebnisse in Hinblick auf therapeutische Möglichkeiten.

Unter dem Begriff „Mikrobiota“ werden Bakterien und andere Mikroorganismen zusammengefasst, das Metagenom beschreibt mikrobielle Gene. Das Mikrobiom ist die Gesamtheit aller mikrobieller Organismen, ihrer Gene und aller umgebenden Faktoren. Bei Studien zum Mikrobiom kommen verschiedene Methoden zum Einsatz: die Kultivierung, die Amplikon-Sequenzierung und die Sequenzierung des Metagenoms oder Metatranskriptoms. Abhängig von der gewählten Methode verändert sich der Informationsgehalt der Ergebnisse, aber auch der Kostenaufwand. 

Für die Sequenzierung werden die Stuhlproben zunächst aufbereitet. Hierbei wird die DNA extrahiert, anschließend eine Sequenzierbibliothek erstellt und zuletzt die Sequenzierung durchgeführt. Die Ergebnisse können dann bioinformatisch ausgewertet werden.

Bei der 16S rRNA Gen Amplikon Sequenzierung werden kurze Genabschnitte der Bakterien mit Hilfe eines Primer-Paars ausgewählt und amplifiziert. Die Ergebnisse ergeben ein Art Visitenkarte der Mikrobiota, aus der sich die Diversität und Komposition ableiten lässt. Hierbei ist zu beachten, dass bereits die Extraktion der DNA Einfluss auf das Ergebnis haben kann. Bei einer Versuchsreihe muss demnach auf die gleiche Probenvorbereitung geachtet werden. Da es sich bei den Ergebnissen um relative Abundanzen innerhalb einer Studie handelt, ist keine direkte Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Datensätzen, die nicht den gleichen Analyseprozess durchlaufen haben, möglich.

Die Metagenom-Sequenzierung hat im Vergleich zur Amplikon-Sequenzierung eine höhere taxonomische Auflösung und ermöglicht außerdem die Analyse potentieller mikrobieller Funktionen. Die bioinformatische Auswertung ist hierbei sehr aufwendig und es können keine Aussagen über die tatsächlich ausgeführte Funktion der Bakterien getroffen werden.

Eine spezifische Untersuchung aktiver Bakterien und dem assoziierten Gen-Expressionsprofil ermöglicht die Metatranskriptom-Sequenzierung. Unter allen drei Methoden ist diese die aufwendigste und teuerste.

Alle drei Sequenziermethoden ermöglichen die Detektion von Mikroorganismen unabhängig von der Kultivierung und geben in Kombination eine umfassende Übersicht über die Zusammensetzung, Diversität und Funktion der Darmmikrobiota. Diese ersetzen jedoch zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht die Isolierung und Kultivierung der Mikrobiota, um Interaktionen und grundlegende Mechanismen der Bakterien zu entschlüsseln.

Nach der Mittagspause stellte Dr. med. Constanze Lohse, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Ernährungsempfehlungen aus der Praxis vor. Ihre Patientinnen und Patienten sagen oft: „Frau Doktor, ich ernähre mich doch gesund“. Doch welches „Futter“ ist eigentlich das richtige für unsere Mikroben? Frau Dr. Lohse gab in ihrem Vortrag praktische Tipps mit prä- und probiotischen Lebensmitteln und Ballaststoffen als Grundlage für eine gesunde Ernährung.

Dr. med. Constanze Lohse ist Fachärztin für Allgemeinmedizin mit Schwerpunkt Präventivmedizin und eigener Praxis in Norderstedt. Bei ihren Patientinnen und Patienten verfolgt sie stets ein ganzheitliches Therapiekonzept. Deshalb hat sie sich auf Ernährung, Mikronährstoffe, Sportmedizin und Naturheilkunde spezialisiert.

Schädigende Faktoren wie Umweltgifte, Fehlernährung, ein Mangel an Mikro- und Phytonährstoffen, aber auch chronischer Stress und Bewegungsmangel führen zu Problemen im Darm und Mikrobiom und somit zu stillen Entzündungen. Als Folge dessen entwickeln sich Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, neurologische Erkrankungen, Magen-Darm-Erkrankungen und andere.

Eine ungesunde oder einseitige Ernährung, bestimmte Lebensmittel, Alkohol, aber auch Chemie im Essen schädigen unserer Gesundheit. Unterstützend für unseren Darm wirken hingegen z. B. Prä- und Probiotika, Mikronährstoffe, Omega 3, L-Glutamin, Bewegung und eine gesunde Psyche – und natürlich eine gesunde Ernährung. Hierzu gab Dr. Lohse praktische Tipps.

Speziell eine vielseitige Ernährung mit qualitativ hochwertigen, unverarbeiteten Lebensmittel sollte im Vordergrund stehen. Das richtige Futter für unser Mikrobiom enthält eine ausreichende Menge an Ballaststoffen, resistenter Stärke und Polyphenolen. Zu empfehlen hierfür sind präbiotische Lebensmittel wie Chicorée, Zwiebeln und Knoblauch sowie probiotische Lebensmittel wie Joghurt, Sauerkraut und Kefir. Ergänzend hierzu sollte eine ausreichende Menge an Ballaststoffen, z. B. aus Gemüse, Haferflocken, Nüssen und Samen, und resistenter Stärke, z. B. aus abgekühlten Nudeln und Kartoffeln, aufgenommen werden. Polyphenole sind beispielsweise reichlich in roten Beeren, Grünkohl und Rotkohl, Leinsamen, Walnüssen, Oregano sowie Pfefferminze vorhanden. Zuletzt ist auf eine ausreichende Omega-3-Fettsäure-Versorgung zu achten, die einen positiven Einfluss sowohl auf das Mikrobiom als auch auf die mikrobiellen Stoffwechselprodukte haben.

Weitere praktische Tipps finden Sie auch im Buch „Die 10 Minuten-Naturmedizin“ von Dr. med. Constanze Lohse.

In einer abschließenden Podiumsdiskussion mit den Referenten und einer nachfolgenden Diskussionsrunde mit Dr. med. Victoria Rosenbach, Dr. med. Peter Vill und Dr. med. Thomas Ellwanger konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer weiterführende Fragen stellen.

Der Sonntag startete mit einem Vortrag von Dr. med. Christoph Milczynski, Facharzt für Laboratoriumsmedizin am Institut für Mikroökologie und Geschäftsführer von Bionovum, der Ansätze aus der naturheilkundlichen Diagnostik mit den Schwerpunkten Stoffwechsel, Entgiftung und Entzündung vorstellte.

Ziel der naturheilkundlichen Diagnostik ist es, alle relevanten Ursachen einer Erkrankung zu erkennen. Ganzheitlich betrachtet ist der menschliche Organismus ein komplexes biologisches System, das in der Lage ist, seine Selbstheilung zu aktivieren.

Grundlage unseres Lebens sind Stoffwechselprozesse. Als Stoffwechsel bezeichnet man Energie-erzeugende Vorgänge. Eine zentrale Rolle im Stoffwechsel spielt der Citratzyklus. Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid (NAD) ist ein essenzieller Cofaktor für die Produktion von Adenosintriphosphat (ATP), den Energielieferanten für alle Organe. Der Citratzyklus ist auf weitere Cofaktoren wie Vitamin B1, B2, B6, B12 und Biotin angewiesen. Ist das Gleichgewicht dieser Kofaktoren durch Mangel eines einzelnen Vitamins gestört, wird der Citratzyklus und somit auch die NAD+/NADH-Funktion beeinträchtigt. Daraus folgen eine verringerte Energieverfügbarkeit und damit einhergehend funktionelle und morphologische Veränderungen. Um dem vorzubeugen, sollten speziell Kinder in Wachstumsphasen, Schwangere, ältere Menschen, Sportler und Personen unter Stress auf eine ausreichende Vitaminzufuhr bzw. Vitaminkonzentration im Blut achten.

Entgiftung ist ein ebenso wichtiger und zentraler Prozess im Körper, weil die Produkte des Stoffwechsels zelltoxisch sein können und eliminiert werden müssen. Dieser findet vorrangig in der Leber statt, mit Glutathion als zentrales Antioxidans. Auch für die Glutathion-Synthese ist eine ausreichende Menge an Vitaminen als Cofaktoren wie Vitamin B2, B3, C und E und Coenzym Q10 Voraussetzung. 

Treten Verschiebungen in Zufuhr von Makro- und Mikronährstoffen zugunsten von Kohlenhydraten als Energielieferanten auf, entstehen Entzündungsprozesse. Sie verlaufen subklinisch, fördern dennoch über Jahre die Entwicklung vieler chronischer Erkrankungen wie Allergien, Infektionen, kardiovaskuläre Erkrankungen, Übergewicht, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und andere. Ein optimaler Status an Omega-3-Fettsäuren kann die Entwicklung der Entzündungsprozesse verlangsamen oder stoppen. Omega-3-Fettsäuren können insbesondere die frühkindliche Entwicklung unterstützen.

Um eine ausreichende Versorgung und eine gezielte Supplementation zu gewährleisten, empfiehlt Dr. med. Christoph Milczynski die Analyse des Vitamin-Versorgungsstatus im Blut. Denn nicht nur ein Mangel an Vitaminen führt zu Stoffwechselstörungen. Eine suprapharmakologische Dosierung kann bei einzelnen Personen unter Umständen ebenso relevante Nebenwirkungen mit negativen Folgen haben.

Die Metabolomics-Technik war Schwerpunkt im Vortrag von M. Sc. Marcel Lackner, Projektmanager für Biomonitoring am Institut für Mikroökologie. Das Metabolom steuert wichtige physiologische und pathophysiologische Prozesse. Die bestehende und zukünftige Diagnostik mikrobieller Metabolite bietet innovative und personalisierte Therapieansätze für Patientinnen und Patienten.

Die Mikrobiota verstoffwechselt Nahrungsbestandteile und produziert daraus Metabolite wie Tryptophan, Histamin, Serotonin, Buttersäure und TMAO. Die Gesamtheit aller Metabolite bezeichnet man als Metabolom. Mit Hilfe des Metaboloms lassen sich abgelaufene Stoffwechselprozesse nachvollziehen und äußere Einflüsse, z. B. einer falschen Ernährung, diagnostizieren. Metabolite ermöglichen die Kommunikation im Körper und spielen eine wichtige Rolle bei Krankheiten.

Das Reizdarmsyndrom wird beispielsweise nicht mehr nur als Erkrankung des Gastrointestinaltrakts angesehen. Vielmehr handelt es sich hierbei um eine Störung der Kommunikation über die Darm-Hirn-Achse. Eine zentrale Rolle in der Kommunikation spielen Histamin, γ-Aminobuttersäure, Serotonin und Tryptophan, die nachweislich Reizdarm-assoziierte Symptome beeinflussen. Die neue Gut-Brain-Axis Reizdarm-Diagnostik des Instituts für Mikroökologie bestimmt diese vier Parameter und ermöglicht somit eine gezielte Therapie der Reizdarm-assoziierten Symptome.

Die Reizdarmdiagnostik basiert auf Immunoassays, d. h. dem Nachweis von Antikörper-Antigen-Komplexen. Die Metabolom-Diagnostik stellt aufgrund der Vielfalt der Metabolite eine größere Herausforderung dar: Strukturelle Vielfalt, physikochemische Eigenschaften und ein starkes Konzentrationsgefälle in biologischen Proben machen den Nachweis von Metaboliten komplex und aufwendig. Um diese zu differenzieren, benötigt man die Massenspektrometrie-basierte Metabolomics-Technik. Sie ermöglicht die Identifikation und Quantifizierung von Metaboliten aufgrund ihrer molekularen Masse.

Anwendung findet die Metabolomics-Technik bereits in der Umweltanalytik, Lebensmittelprüfung und Forensik. Aber auch in der klinischen Diagnostik wie dem Neugeborenen-Screening und zur Analyse der Vitamine kommt sie zum Einsatz.

Ziel des Instituts für Mikroökologie ist es, die Metabolomics-Technik zukünftig auch für praxisrelevante, personalisierte Diagnostiken für Ärztinnen und Therapeuten einzusetzen und somit das Spektrum an diagnostischen Möglichkeiten stets zu erweitern.

Zum Abschluss der Herborner Mikrobiom Tage stellten Dr. med. Thomas Ellwanger, Arzt und Leiter der Medizinischen Wissenschaften und der Hausärztlichen Versorgung am Institut für Mikroökologie, und Dr. med. Victoria Rosenbach, Ärztin für Naturheilverfahren und Akupunktur, die KyberAllergoPlex-Diagnostik für die effektive Diagnostik von Typ-III-Allergien vor. Anhang eines Patientenbeispiels und mit praktischen Abrechnungstipps erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer somit wertvolle Tipps für die eigene Praxis.

IgG1-3-Immunkomplexe können die Ursache für eine Reihe intestinaler Symptome wie Diarrhö und Schmerzen, aber auch extraintestinaler Symptome wie chronische Müdigkeit, muskuloskeletale Beschwerden und Kopfschmerzen sein. Auffällig hierbei: Die Symptome können mit einer Latenz bis zu 72 h auftreten. Viele Studien sehen zudem einen Zusammenhang zwischen IgG1-3-Antikörpern mit z. B. Migräne, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn, Gefäßschäden und dem Reizdarmsyndrom. Im Gegensatz zur IgG4-Reaktion aktivieren die Typ-III-Immunkomplexe aus IgG1-3-Antikörpern und den korrespondierenden Allergenen das Komplementsystem im Körper, lagern sich im Subendothel kleiner Blutgefäße ab und führen dort zu einer Entzündungsreaktion, welche die Organfunktionen beeinträchtigt.

Oft gefragt: Produziert unser Körper nicht automatisch Antikörper gegen das, was er isst? Vergleicht man die durchschnittliche, jährliche Pro-Kopf-Menge der Aufnahme an Schweinefleisch, Kartoffeln und Hühnerfleisch, so lässt sich kein korrespondierender Zusammenhang mit IgG1-3-Antikörpern gegen diese Lebensmittel feststellen. Die spezifischen Antikörper gegen diese Lebensmittel treten sogar im Vergleich nur sehr selten auf. Zudem untersuchte das Institut für Mikroökologie in einer Studie an gesunden Probandinnen und Probanden die Immunreaktionen auf Lebensmittel nach einer dreiwöchigen Provokation. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aßen über diesen Zeitraum hinweg täglich zwei Eier oder tranken täglich 0,75 Liter Kuh- oder Sojamilch. Vor und nach der Studie wurden IgG1-3-Antikörper mit Hilfe der KyberAllergoPlex-Diagnostik bestimmt. Es konnte keine gesteigerte Antikörperbildung gegen diese Lebensmittel festgestellt werden. Auch weitere sechs Wochen später zeigten sich keine spezifischen Immunreaktionen. In der Gesamtschau dieser Daten lässt sich also schließen, dass es gerade nicht so ist, dass wir grundsätzlich Antikörper gegen das, was wir essen, bilden.  

Die KyberAllergoPlex-Diagnostik bietet das Institut für Mikroökologie in einem modularen System an. Der Basistest KAP44 misst die Reaktionen auf 44 Lebensmittel, bei denen am häufigsten Typ-III-Allergien auftreten. Als Standardtest dient der KAP100, der 90 verschiedene Lebensmittel untersucht. Besonders zu erwähnen ist, dass der Standardtest die glutenfreien Getreidealternativen beinhaltet. Als Spezialtest erfasst der KAP100V nur vegetarische Lebensmittel inklusive so genannter „Superfoods“. Die Premiumvariante, der KAP300, bietet eine umfassende Untersuchung von 270 Nahrungsmitteln. Der Befund zum KAP300 wird mit einem individuellen Rezeptbuch geliefert. Die Diagnostiken KAP44 und KAP100 können bis zu 6 Monate nach Befundversand auf den KAP300 erweitert werden, ohne dass erneut Blut abgenommen werden muss.

Der Vorteil der Diagnostik: Verzichtet der Patient oder die Patientin entsprechend der Reaktionsstärke für die empfohlenen Zeiträume auf die positiv getesteten Lebensmittel, setzt relativ schnell eine Besserung der Symptome ein.

Mehr Informationen zur KAP-Diagnostik finden Sie hier.

Das Team des Instituts für Mikroökologie bedankt sich bei allen Referentinnen und Referenten für die informativen und hochwertigen Vorträge und bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern für die inspirierenden Gespräche, den regen Austausch und neue Impulse!